In der Nacht zum 26. April 1986 explodierte Block 4 des KKW Tschernobyl – ein sowjetischer Militärreaktor ohne Containment, den es im Westen nie gab. Trotzdem reichte die mediale Schockwelle aus, um eine ganze Nation dazu zu bringen, ihre sichersten und saubersten Kraftwerke abzuschalten.

Was genau geschah in diesem Reaktor, und warum konnte es nur in diesem Reaktortyp passieren? Dr. Walter Rüegg rekonstruiert in Reise ins Innere von Tschernobyl die technischen Fakten – und liefert damit die Grundlage für eine Debatte, die längst überfällig ist.

Einordnung

Was geschah?

Am 26. April 1986 sollte im Block 4 des KKW Tschernobyl während einer planmäßigen Revision ein Turbinenauslaufversuch durchgeführt werden. Ein Lastverteiler unterbrach die Leistungsabsenkung für 12 Stunden, wodurch sich Xenon (ein „Neutronengift“) maximal anreicherte. Die Reaktorleistung fiel auf unter 5 %. Statt den Versuch abzubrechen, setzte der leitende Ingenieur Djatlow das Personal massiv unter Druck weiterzumachen. Es wurden Sicherheitssysteme deaktiviert und zu viele Regelstäbe gezogen. Der Reaktor wurde prompt kritisch, es kam zu zwei Explosionen, der Graphitkern begann zu brennen, und Radioaktivität wurde weltweit verbreitet.

Warum konnte es passieren?

Der RBMK-Reaktor stammte ursprünglich aus der militärischen Plutoniumproduktion und hatte gravierende Konstruktionsmängel: keinen negativen Reaktivitätskoeffizienten (bei Kühlmittelverlust oder Dampfblasen konnte die Reaktorleistung ansteigen statt zu sinken), kein Containment, und der riesige Graphitblock war brandgefährlich. Hinzu kam eine fehlende Sicherheitskultur im sowjetischen System – Produktionsdruck ging vor Sicherheit, Kritik war kaum möglich.

Die Folgen

Mindestens 60 Todesopfer laut UN-Bericht, ein starker Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern, bis zu 350.000 umgesiedelte Menschen. Die 30-km-Sperrzone um das Werk wurde eingerichtet. Der Block wurde eingesargt, ein neuer Sarkophag („New Safe Confinement“) errichtet. Politisch leitete Tschernobyl das Ende der Kernenergieeuphorie in vielen Ländern ein.

Heutige Perspektive des Autors

Die Sperrzone hat sich zu einem florierenden Naturschutzgebiet entwickelt – Tierbestände wachsen, was laut Autor darauf hindeuten könnte, dass die Wirkung geringer Strahlendosen überschätzt wird. Der Autor plädiert dafür, Energietechnologien nicht ideologisch, sondern nach Nutzen und Risiken zu bewerten, und betont den weltweiten Energiebedarf von bald neun Milliarden Menschen. Tschernobyl sei nicht nur ein GAU der Nukleartechnik, sondern ein Rückschlag für die gesamte Menschheit gewesen.

Die politische Reaktion

Ein sowjetischer Militärreaktor ohne Containment explodiert 1986. Die Reaktion?

  1. Russland rüstet seine RBMK nach und betreibt sie bis heute weiter, der letzte planmäßig bis 2034.
  2. Die Ukraine betrieb drei Tschernobyl-Reaktoren noch bis 2000 weiter.
  3. Die EU, maßgeblich von Deutschland getrieben, erzwang die Abschaltung von acht sowjetischen Reaktoren in Litauen, Bulgarien und der Slowakei als Beitrittsbedingung und machte diese Länder zu Stromimporteuren.
  4. Deutschland schaltete seine DDR-Reaktoren 1990 ab, technisch gerechtfertigt, danach aber auch seine westdeutschen Reaktoren 2011 bis 2023, politisch motiviert, obwohl sie zu den sichersten der Welt gehörten.

Oder kurz: Der Reaktor, der explodierte, läuft noch. Die Reaktoren, die nie hätten explodieren können, sind abgeschaltet.

Die Technik: Warum der RBMK explodieren konnte

RBMK-Reaktorquerschnitt mit markierten Sicherheitsmängeln und Vergleichstabelle zu deutschen Reaktoren.

RBMK-Reaktor Querschnitt mit Problemmarkierungen Schematischer Querschnitt eines RBMK-Reaktors mit nummerierten Markierungen der Sicherheitsprobleme. Kein Sicherheitsbehälter (Containment) Oberer biologischer Schild (Scheme E, ~1000 t) Graphitmoderator ~1700 t / H 7 m, D 11,8 m 1661 Druckkanäle (Zr+Nb-Legierung) Steuerstäbe (211 Stck.) Frischdampf → TG Speisewasser HKP 8 Hauptkühlmittelpumpen 1 2 3 4 5 6 7 8 = Sicherheitsdefizit
Vereinfachte Prinzipdarstellung des RBMK-1000, nicht maßstabsgetreu. Ein Klick auf einen roten Marker springt zur zugehörigen Zeile der Vergleichstabelle.

Vergleich mit deutschen Leichtwasserreaktoren

Ursachen und Defizite des RBMK, die daraufhin in der Ukraine und in Russland erfolgten Nachrüstungen — und die Frage, ob dasselbe Defizit in deutschen Druck- und Siedewasserreaktoren überhaupt auftreten konnte.

# Ursache / Defizit Nachrüstung RBMK (UKR/RUS) In DE (DWR/SWR)? Begründung
1 Positiver Dampfblasenkoeffizient (Void-Koeffizient der Reaktivität)Verdampfung des Kühlmittels erhöht die Reaktivität statt sie zu senken TeilweiseErhöhung der Anreicherung auf 2,4 % U-235; abbrennbare Neutronengifte (Erbiumoxid) in BE Nein Leichtwasserreaktoren (LWR) nutzen H₂O als Moderator und Kühlmittel. Verdampfung reduziert die Moderation → negativer Dampfblasenkoeffizient (inhärente Selbstabschaltung)
2 Kein Sicherheitsbehälter (Containment)Keine druckfeste Umschließung des Primärkreises NeinDruckröhren-Bauweise macht vollständiges Containment konstruktiv unmöglich Nein Mehrstufiges Barrierenkonzept: Brennstoffmatrix → Hüllrohr → Reaktordruckbehälter (RDB) → Stahlcontainment → Stahlbeton-Sicherheitshülle (gegen Einwirkungen von außen, z. B. Flugzeugabsturz)
3 Brennbarer Graphitmoderator~1700 t Graphit (Kohlenstoff); Zündtemperatur ~600 °C TeilweiseVerbessertes He/N₂-Schutzgassystem; Brandschutzmaßnahmen Nein Kein Graphit in deutschen LWR. H₂O ist Moderator und Kühlmittel zugleich — nicht brennbar. Kein Kamineffekt bei Kernschaden möglich
4 Druckröhren-Bauweise (Kanalbauweise)1661 einzelne Druckkanäle aus Zr-2,5%Nb mit tausenden absperrbaren Verbindungen BauartbedingtIntensivierte wiederkehrende Prüfungen (WKP) der Druckkanäle Nein Ein einziger geschmiedeter Reaktordruckbehälter (RDB) aus ferritischem Stahl; bruchsicher ausgelegt nach KTA-Regelwerk; überwacht durch zerstörungsfreie Prüfung (ZfP)
5 Manuelle Übersteuerung der SteuerstäbeUnerlaubtes Ziehen der Steuerstäbe über die Betriebsgrenze (ORM < 15 Stäbe) JaSchnellabschaltsystem (AZ-5) mit verkürzter Einfahrzeit (~2,5 s); Graphitverdränger an Stabspitzen entfernt Nein Redundantes Reaktorschutzsystem (RESA) löst automatisch aus; Diversitäres Abschaltsystem (ATWS-Schutz); manuelle Übersteuerung konstruktiv ausgeschlossen
6 Not- und Nachkühlsystem (ECCS) deaktiviertAbgeschaltet, um den Turbinenauslaufversuch nicht zu beeinträchtigen JaProzedurale Absicherung; Verriegelungen gegen unerlaubtes Abschalten Nein Sicherheitstechnisch wichtige Systeme (Notkühlsysteme, Notspeisesysteme) 4×100 % redundant; Verriegelungen verhindern unbefugtes Abschalten; Änderungen nur mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde
7 Xenonvergiftung (¹³⁵Xe) ignoriert12 h Teillast → maximale Xe-Konzentration → Reaktivitätsreserve aufgebraucht; Versuch trotzdem fortgesetzt JaKernphysikalische Ausbildung verbessert; automatisiertes Xe-Monitoring Nein In-Core-Instrumentierung überwacht Neutronenflussverteilung und Xe-Oszillationen; negativer Dampfblasenkoeffizient macht Xe-Transienten selbststabilisierend; hohe Ausbildungsstandards (KTA 1501)
8 Fehlende Sicherheitskultur (Safety Culture, INSAG-4)Militärischer Befehlsstil; Produktionsdruck vor Sicherheit; kein unabhängiges Aufsichtswesen TeilweiseIAEA-OSART-Missionen; Einführung probabilistischer Sicherheitsanalysen (PSA) Nein Unabhängige Atomaufsicht (Länder + BMU); Betreiberverantwortung (AtG §7); offene Meldekultur; KTA-Sicherheitsstandards; regelmäßige IAEA-Peer-Reviews (OSART/SALTO); deterministische + probabilistische Sicherheitsbewertung

Interview mit Dr. Walter Rüegg

Wer nach der technischen Einordnung noch tiefer einsteigen will, findet im Interview mit Dr. Walter Rüegg genau die Mischung aus persönlicher Erfahrung, Strahlungsdebatte, Rückbaufragen und Zukunft der Kerntechnik.

  • Dr. Walter Rüegg berichtet, selbst im Kontrollraum von Block 4 in Tschernobyl gewesen zu sein.
  • Ein wiederkehrendes Thema sind gesellschaftliche und psychologische Ängste vor Strahlung.
  • Provokant formuliert wird Fukushima als lebenswerter eingeordnet als manche westliche Großstadtlagen wie Stuttgart.
  • Auch Feinstaub und großflächige Verbrennungsschäden werden als mögliche Vergleichsmaßstäbe zu sehr unterschiedlichen Katastrophenszenarien herangezogen.
  • Es wird ein Vergleich erwähnt, nach dem die rund 500 oberirdisch explodierten Atombomben in ihrer Dosisordnung mit etwa 1 mSv in Beziehung gesetzt werden.
  • Beim Rückbau können längere Wartezeiten nach der Abschaltung hilfreich sein, weil kurz- und mittelfristige Isotope zunächst zerfallen.
  • Als Beispiele werden Caesium und Strontium sowie sehr unterschiedliche Zerfalls- und Belastungszeiträume genannt, bis hin zu mehreren Jahrhunderten.
  • Als Naturbeispiel für langfristige nukleare Vorgänge wird auf den Naturreaktor von Oklo in Gabun vor rund 1,8 Milliarden Jahren verwiesen.
  • Er plädiert für SMR-Konzepte und verweist dabei auf vereinfachte Sicherheitssysteme wie geringeren Pumpen- und Notstrombedarf.

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    Reise ins Innere von Tschernobyl

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