Gastbeitrag

Reise ins Innere von Tschernobyl

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In der Sperrzone von Tschernobyl ist die Strahlung fast überall weniger hoch als in den Alpen oder in Rom. Trotzdem gibt es tödliche Gefahren, wie eine Studienreise zeigte.

Die Reise

Immer wieder werde ich gefragt, ob eine Reise nach Tschernobyl nicht gefährlich sei. Natürlich ist sie es. Ich wurde jedenfalls einer Dosis ausgesetzt, welche etwa der halben Tödlichen entsprach, ein Kollege kam sogar recht nahe an die Tödliche heran. Doch der Reihe nach.

Vom 6. bis 12. September 2015 konnte ich als Mitglied einer informellen, 12-köpfigen amerikanischen Expertengruppe Tschernobyl und Umgebung besuchen. Die Gruppe war sehr heterogen zusammengesetzt, mehrere Universitätsforscher, aber auch Strahlenschutzfachleute, Katastrophenexperten, eine Reaktoroperateurin - und ich als „Privatgelehrter“. Perfekt organisiert wurde die Exkursion vom Strahlenschutzbeauftragten einer grossen amerikanischen Universität und einem Feuerwehr-Strahlenexperten.

Wir logierten während des ganzen Aufenthaltes im einzigen „richtigen“ Hotel von Slavutych, mit überraschend gutem westlichen Komfort. Diese Stadt wurde nach der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 in aller Eile als „Ersatzstadt“ für die evakuierte Stadt Pripyat gebaut. Jede Sowjetrepublik musste ein Quartier bauen, entsprechen bunt ist ihr Erscheinungsbild:

Abbildung 1 Die Stadt Slavutych, etwa 45 km vom Unglücksreaktor entfernt (Bild im Tschernobyl-Museum von Slavutych, Aufnahme bewilligt).
Abbildung 1 Die Stadt Slavutych, etwa 45 km vom Unglücksreaktor entfernt (Bild im Tschernobyl-Museum von Slavutych, Aufnahme bewilligt).

Die meisten der heute im Kraftwerk Tschernobyl Beschäftigten wohnen in Slavutych und pendeln täglich zum 45 km entfernten Kraftwerk. Auch wir benutzten jeden Morgen diesen Zug. Die Fahrt führte über menschenleere Waldgebiete, ein Teil der Strecke liegt in Weissrussland. Eine nennenswerte Strahlung misst man erst in der Nähe des Kraftwerkes. Noch im Zuge wurden wir mündlich und schriftlich darüber informiert, was man in der „Exclusion Zone“ machen darf und was nicht. Durch Unterschrift musste man bestätigen, dass man alles verinnerlicht hat. Viele dieser Vorschriften sind heute übertrieben (z.B. darf in der ganzen Zone nichts berührt werden), werden aber andererseits auch nicht mehr ganz ernst genommen.

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Abbildung 2 Einfahrt des Pendelzugs Slavutych-Tschernobyl.
Abbildung 2 Einfahrt des Pendelzugs Slavutych-Tschernobyl.
Abbildung 3 Das zu unterschreibendes Formular regelt genau, was man darf und was nicht.
Abbildung 3 Das zu unterschreibendes Formular regelt genau, was man darf und was nicht.

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Wie konnte es zur Katastrophe kommen?

Vor dem Besuch der Kraftwerksblöcke standen eine Reihe von Vorträgen auf dem Programm. Besonders eindrücklich war der Bericht eines ehemaligen Operateurs von Block 3, der den Ablauf der Ereignisse im benachbarten Block 4 detailliert rekonstruierte. Die folgenden Abbildungen stammen aus seinem Vortrag (Aufnahmen bewilligt).

Das Drama begann bereits in der Vorbereitungsphase für einen Sicherheitstest. Ein Absenken der Leistung auf 25% war vorgesehen, durch eine Fehlmanipulation oder durch einen Elektronikdefekt sackte sie jedoch auf 1% ab. In jeder Vorlesung über Reaktorphysik lernt man, dass dann eine schwere „Xenonvergiftung“ einsetzt, der Reaktor muss für etwa zwei Tage ganz abgeschaltet werden (das Xenon baut sich dann ab). Das Problem: Das Xenon wirkt wie eine Vollbremsung, ein stabiler Betrieb ist nicht mehr möglich. Aber den Test wollte man unbedingt durchführen, also man gab Vollgas: Praktisch alle Steuerstäbe wurden bis zum Anschlag ausgefahren. Die Leistung stieg trotzdem nur auf kümmerliche 7%. Als der eigentliche Test eingeleitet wurde (Abschaltung der Turbine) begann die Leistung aus physikalischen Gründen (Dampfblasen entstanden) anzusteigen, die Bedienmannschaft leitete sofort eine manuelle Notabschaltung ein1, die automatische hatten sie vorher abgeschaltet. Aber es war schon zu spät.

Abbildung 4 Die kritische Phase nach Beginn der Notabschaltung, wenige Sekunden vor der Explosion. Im unteren Teil des Bildes (violette Linien) ist die vertikale Verteilung des Neutronenfluss (und damit die Leistung) für drei Steuerstabstel
Abbildung 4 Die kritische Phase nach Beginn der Notabschaltung, wenige Sekunden vor der Explosion. Im unteren Teil des Bildes (violette Linien) ist die vertikale Verteilung des Neutronenfluss (und damit die Leistung) für drei Steuerstabstellungen abgebildet.

1 Alternativ wird berichtet, dass die Leistung nicht anstieg, die Abschaltung sei einfach das Ende des Versuches

gewesen. Erscheint mir nicht plausibel. Leider existieren keine genauen Messungen der Reaktorleistung.

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Eigentlich unglaublich: Diese Reaktoren verfügten über keine Schnellabschaltung, die ganz ausgefahrenen Steuerstäbe („Vollgasstellung“) benötigen 15-20 Sekunden, bis sie völlig eingefahren waren („Vollbremsung“). Schlimmer noch: Um beim Normalbetrieb die Leistung zu maximieren bestanden die Spitzen der Steuerstäbe aus Grafit (gelbe Teile in Abbildung 5). Das Grafit erhöhte in den ersten paar Sekunden des Einfahrens den Neutronenfluss (und damit die Leistung) im unteren Teil des Reaktors. Der Zustand des unstabilen Reaktors kippte plötzlich auf Vollgas. Die Leistung stieg lawinenartig an, innert 4 Sekunden auf den 100fachen Nominalwert. Der untere Teil des Reaktorkernes erhitzte sich auf über 3000°C, das Kühlwasser verdampfte explosionsartig. Der entstehende Dampfdruck war so gewaltig, dass er den gesamten Reaktorkern (mit Abschirmungsdeckel total um die 3000 t) wie eine Rakete etwa 40 m hoch in die Luft steigen liess. Der Reaktor drehte sich dabei um fast 180°, dann erfolgte eine zweite, noch stärkere Explosion, verursacht durch das entstehende Knallgas. Der untere Teil des Reaktors wurde in Stücke gerissen und in die Umgebung geschleudert. Der ganze Ablauf ist in Abbildung 5 dargestellt, der „Flug“ des Reaktors dauerte 4-5 Sekunden.

Abbildung 5 Ablauf der Zerstörung des Reaktors. Beschriftungen und Pfeile vom Autor eingefügt.
Abbildung 5 Ablauf der Zerstörung des Reaktors. Beschriftungen und Pfeile vom Autor eingefügt.

Der obere Reaktorteil mit dem schweren Betondeckel fiel in den Reaktorschacht zurück (siehe Abbildung 6). Man sieht in dieser Abbildung die vielen Druckrohre aus dem Reaktordeckel herausragen. Der Brennstoff dürfte sich noch teilweise im unteren Teil der Rohre befinden. Die meisten sowjetischen Reaktoren dieser Zeit bestanden aus Bündeln von einzelnen Brennelementrohren, direkt abgeleitet von den ersten militärischen Plutoniumbrüter. Trotz den bekannten Instabilitäten dieses Reaktortyps wurde sowohl eine Schnellabschaltung als auch ein Containment als überflüssig angesehen.

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Abbildung 6 Oberes Ende des zerstörten Reaktors von Block 4. Die rötliche Farbe stammt von der Beleuchtung.
Abbildung 6 Oberes Ende des zerstörten Reaktors von Block 4. Die rötliche Farbe stammt von der Beleuchtung.

Wer ist schuld?

Auf die Frage an den Reaktoroperateur, ob seine Kollegen vom Katastrophenblock 4 Fehler gemacht haben, lautete die spontane Antwort: Nein. Etwas einschränkend fügte er hinzu, dass zumindest keine Betriebsvorschriften verletzt worden seien2. Diese Reaktion ist typisch: Die Ukrainer schieben alles auf die „Konstruktionsfehler“ des russischen Reaktors ab. Für die Russen hingegen ist die ignorante lokale Mannschaft an allem schuld. Wer hat recht? Beide: Nur das Zusammentreffen von einer nicht instruierten Mannschaft mit einem „heiklen“ Reaktortyp - ohne Schnellabschaltung - konnte zu einer solchen Katastrophe führen.

Eines ist klar: Der Reaktor hatte keine “Konstruktionsfehler”, wohl aber gravierende Designschwächen. Zudem wurde bei den Reaktoren der 60er und 70er-Jahre die Leistung optimiert, die Sicherheit war kein grosses Thema (wie auch bei den Fukushima-Reaktoren, ebenfalls ein Produkt dieser Zeit). Die russischen Konstrukteure waren sich der Schwächen des Designs sehr wohl bewusst, die Betriebsvorschriften haben dies entsprechend berücksichtigt. Dies funktioniert aber nur bei einer guten Sicherheitskultur, und diese fehlte vollkommen: Im Kraftwerk Leningrad 1 kam es 1975, dem erstes Betriebsjahr mit einem „Tschernobyl-Typ“, zu verschiedenen ernsthaften Problemen: Unter anderem erfolgte eine partielle Kernschmelze mit teilweiser Zerstörung des Reaktorkernes. Drei Mitarbeiter starben. Und 1982 trat im Block 1 von Tschernobyl ebenfalls eine partielle Kernschmelze auf. In beiden Fällen wurden beträchtliche Mengen radioaktiver Substanzen freigesetzt (kein Containment!). Lehren daraus wurden kaum gezogen. Besonders schlimm: Alles wurde streng geheim gehalten.

2 Rätselhafterweise sind die spezifischen Betriebsvorschriften für diesen Reaktor „verschwunden“. Ohne Zweifel

sind die allgemeinen Vorschriften für diesen Reaktortyp massiv verletzt worden (z.B. minimale Anzahl Steuerstäbe im Reaktor), unklar ist aber der Instruktionsgrad der Mannschaft.

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Der Sarkophag

Ein anderer eindrücklicher Vortrag betraf den Bau des Sarkophags. Der Referent war in leitender Stellung am Bau beteiligt – und hat mir einen gehörigen Schrecken eingejagt: Kaum hatte er strammen Schrittes den Saal betreten, fragte er als erstes (über die Dolmetscherin), wer Walter Rüegg sei. Ich zuckte zusammen, in solchen Staaten ist es leicht etwas falsch zu machen. Als ich zögernd die Hand hob, kam er lächelnd auf mich zu und begrüsste mich herzlich. Die Dolmetscherin löste das Rätsel sofort auf: Wir seien beide vom gleichen Jahrgang.

In der Pause unterhielten wir uns wie alte Bekannte. Über die seinerzeit erhaltene Strahlendosis wollte er sich nicht so recht äussern. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dürften es einige 100 mSv gewesen sein (heute eine Horrordosis, siehe Box 1). Gesundheitlich schien sie ihm jedoch nichts anzuhaben (Abbildung 7), er wirkte viel jünger als er wirklich war, dynamisch und fit wie ein Tennisschuh. Und zwar buchstäblich: In seiner Freizeit trainiert er die Tennisjunioren von Slavutych. Als er vernahm, dass ich auch noch Tennis spiele, wollte er unbedingt mit mir spielen. Der enge Terminplan unserer Gruppe rettete mich.

Der Bau des Sarkophags einige Monate nach der Katastrophe war, unter Berücksichtigung der sehr schwierigen Umstände, eine Meisterleistung. Aber 2015 war er in einem schlechten Zustand. Er könnte einstürzen, insbesondere bei einem schweren Erdbeben. Dicht ist er auch nicht (man berichtet von über 100 m2 offener Flächen), Vögel fliegen rein und raus. Im Innern des Sarkophags herrschen Strahlendosen, die mehrere Zehnerpotenzen höher sind als in der Umgebung des Kraftwerkes. 2007 startete der Bau einer riesigen neue Hülle, Abbildung 8 zeigt den Zustand im September 2015. Man erkennt direkt hinter der neuen Hülle den Sarkophag um Block 4, sowie die Blöcke 3, 2 und 1. Nach der Fertigstellung wurde die neue Hülle über den bestehenden Sarkophag geschoben.

Abbildung 7 Erste Phase des Baus des Sarkophags um den explodierten Block 4. Der Vortragende war in leitender Stellung vor Ort tätig.
Abbildung 7 Erste Phase des Baus des Sarkophags um den explodierten Block 4. Der Vortragende war in leitender Stellung vor Ort tätig.

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Abbildung 8 Neue Hülle aus einem Stahlgerüst, innen und aussen verkleidet mit Stahlplatten, Kostenpunkt ca. 2 Milliarden $. Im Hintergrund die Blöcke 4, 3, 2 und 1.
Abbildung 8 Neue Hülle aus einem Stahlgerüst, innen und aussen verkleidet mit Stahlplatten, Kostenpunkt ca. 2 Milliarden $. Im Hintergrund die Blöcke 4, 3, 2 und 1.

Das Kraftwerk

Im Kraftwerk selbst besuchten wir die verschiedenen Blöcke. Abbildung 9 zeigt unsere Expertengruppe im Kontrollraum von Block 2.

Abbildung 9 Unsere Expertengruppe im Kontrollraum von Block 2. Dieser Reaktor wurde 1991 stillgelegt.
Abbildung 9 Unsere Expertengruppe im Kontrollraum von Block 2. Dieser Reaktor wurde 1991 stillgelegt.

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Die unbeschädigten Reaktoren der Blöcke 1, 2 und 3 wurden nach dem Unglück weiterbetrieben, aber umgehend mit vielen zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen aufgerüstet (für etwa 400 Millionen $). Unter anderem wurde eine Schnellabschaltung eingebaut, welche den Namen verdient, sie kann den Reaktor in 1-2 Sekunden stoppen, zudem verunmöglichen verschiedene Umbauten eine explosive Leistungsexkursion. Ein neues „Tschernobyl“ mit einem massiven Austritt von radioaktiven Substanzen kann aus physikalischen Gründen ausgeschlossen werden - eine „normale“ Kernschmelze aber nicht. Trotzdem: Sehr zum Ärger der Ukrainer mussten sie auf Druck der EU die Reaktoren der Blöcke 1, 2 und 3 abschalten (den letzten im Jahre 2000). In Russland sind immer noch 7 dieser (aufgerüsteten) „Tschernobyl“- Reaktoren im Betrieb (Stand 2026), ernsthafte Probleme gab es nie mehr. Für die Ukrainer war die Stilllegung ein ökonomisches Problem: Jeder Block hätte pro Jahr für gegen eine halbe Milliarde $ Strom produziert. Ein teilweiser Ausgleich erfolgte durch die finanzielle Unterstützung (insbesondere Sicherheitsaufrüstungen) bei anderen Kraftwerken. Die Ukraine verfügte 2026 über insgesamt 15 Reaktoren russischer Bauart, damit wird rund 50% des elektrischen Stromes erzeugt. Diese zwischen 1981 und 2006 in Betrieb genommenen Druckwasserreaktoren gehören einer neueren Generation an, sie besitzen ein Containment und sind sicherheitstechnisch auf einem westlichen Niveau.

Abbildung 10 zeigt das langgestreckte Turbinengebäude, dahinter befinden sich die vier Reaktorblöcke. Ganz hinten sieht man die neue Hülle. Die Strahlungsintensität an diesem Ende des Kraftwerkes ist überraschend tief (0.16 uSv/h), ähnliche Werte misst man überall auf der Welt. Ein Grund für die tiefen Werte: Der Boden ist mit Beton und Steinplatten belegt, diese schirmen einen guten Teil der Strahlung ab. Über Naturboden war die Strahlung deutlich höher, wir massen typisch 0.5-2 uSv/h. In der Nähe vom Block 4 stieg die Strahlung auf etwa 10 uSv/h. Direkt an der Wand des Sarkophags (Zugang „normalerweise“ streng verboten, aber wir waren keine „normale“ Gruppe) registrierten wir Werte über 100 uSv/h.

Ohne Vergleiche sind diese Dosis-Angaben wenig aussagekräftig, man kann sie nicht einordnen. Einige Vergleiche sind in Box 2 aufgeführt. In den meisten Berichten fehlen solche Vergleiche, aber wie sonst soll man sich ein Bild machen? Man beruft sich allenfalls auf die „normale“ Strahlung (liegt je nach Ort zwischen 0.04 uSv/h und 100 uSv/h), oder auf die Grenzwerte (liegen mittlerweile weit unter der natürlichen Strahlung, siehe Box 3). Statt Vergleiche findet man nicht besonders hilfreiche Ausdrücke wie: „Todeszone“, „radioaktive strahlende Hölle”, „…Sperrgebiete, deren Betreten unmittelbar lebensgefährlich sein kann” (Zitate aus: Die strahlende Wahrheit, M. Arnold, U. Fitze, 2015, ISBN: 978-3-907625-77-4).

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Abbildung 10 Blick vom südlichen Ende des Kraftwerkes. Die Strahlung ist hier recht tief (0.16
Abbildung 10 Blick vom südlichen Ende des Kraftwerkes. Die Strahlung ist hier recht tief (0.16
Abbildung 11 Der alte Sarkophag, Zustand September 2015. Die Strahlung im Abstand von 100 m beträgt etwa 10 uSv/h
Abbildung 11 Der alte Sarkophag, Zustand September 2015. Die Strahlung im Abstand von 100 m beträgt etwa 10 uSv/h

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Im Inneren von Block 4

Eine „Exkursion“ ins Innere des Sarkophags, z.B. in den Kontrollraum 4, sei lebensgefährlich und streng verboten (wurde uns am ersten Besuchstag erklärt). Aber wir waren, wie bereits erwähnt, offenbar keine „normale“ Besuchergruppe. Geholfen hat wohl auch, dass zwei

Mitglieder unserer Gruppe fliessend Russisch/Ukrainisch sprachen und sich mit den lokalen Sitten und Gebräuchen auskannten. Aber so genau will ich es gar nicht wissen, jedenfalls kamen wir in Block 4 hinein und konnten den Kontrollraum gründlich besichtigen und ausmessen. In die völlig zerstörte Reaktorhalle oder in die Räume direkt unter dem Reaktor (Strahlung bis mehrere Sv/h) konnten und wollten wir nicht gehen, dort ist es bei längerem Aufenthalt (mehr als etwa eine halbe Stunde) tatsächlich lebensgefährlich. Zudem sind die Trümmer instabil.

In den zugänglichen Bereichen um die Reaktorhalle herum massen wir Strahlenintensitäten von typisch 10 uSv/h, mit Spitzen bis etwa 200 uSv/h. Der Hauptteil der Strahlung stammt heute von Cs-137. Während der Katastrophe herrschten hier Intensitäten von bis zu einigen 10 Sv/h, tödlich innert 5-30 Minuten. Am schlimmsten war die Strahlung direkt neben dem zerstörten Reaktorkern: Innert etwa einer Minute tödlich. Mehrere Tage lang hatte man kaum Informationen über die Höhe der Strahlung, geeignete Strahlenmessgeräte fehlten weitgehend. Zudem behaupteten die Verantwortlichen einen vollen Tag lang steif und fest, dass der Reaktor nicht zerstört sei. Die Folgen waren dramatisch: Etwa 1000 Einsatzkräfte wurden sehr stark bestrahlt, über 130 wurden schwer strahlenkrank, 30 verloren ihr Leben3.

3 https://en.wikipedia.org/wiki/Individual_involvement_in_the_Chernobyl_disaster: Liste der am meisten Be-

troffenen mit individuellen Angaben.

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Abbildung 12 Autor im Kontrollraum vom Unglückblock 4, ca. 40 m von der völlig zerstörten Reaktorhalle entfernt. Ein doppelter Schutzanzug ist Pflicht, über dessen Notwendigkeit kann man sich streiten.
Abbildung 12 Autor im Kontrollraum vom Unglückblock 4, ca. 40 m von der völlig zerstörten Reaktorhalle entfernt. Ein doppelter Schutzanzug ist Pflicht, über dessen Notwendigkeit kann man sich streiten.
Abbildung 13 Die Strahlung im Kontrollraum 4 beträgt heute etwa 5 uSv/h. Zum Vergleich: Während des Fluges Kiev-Zürich mass ich über 3 uSv/h, bei Flügen nach USA oder Asien kann sie bis gegen 10 uSv/h steigen. Während der Katastrophe betrug
Abbildung 13 Die Strahlung im Kontrollraum 4 beträgt heute etwa 5 uSv/h. Zum Vergleich: Während des Fluges Kiev-Zürich mass ich über 3 uSv/h, bei Flügen nach USA oder Asien kann sie bis gegen 10 uSv/h steigen. Während der Katastrophe betrug die Strahlung 20'000 – 50‘000 uSv/h

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Der Kontrollraum 4 liegt etwa 40 m vom zerstörten Reaktor entfernt. Massive Betonwände verhinderten eine direkte Einwirkung der Explosionen, konnten aber das Eindringen von radioaktiven Substanzen nicht verhindern (teils durch die Luft, teils von der Belegschaft hineingebracht). Die Strahlendosis erreichte sehr hohe, bei längerem Aufenthalt lebensbedrohende Werte (20’000-50’000 uSv/h). Anatoli Dyatlov, stellvertretender Chefingenieur des Kraftwerkes und Leiter des Versuches, erlitt gemäss verschiedenen Quellen eine nahezu tödliche Strahlendosis von 3.9 Sv. Er starb 10 Jahre nach dem Unglück, im Alter von 64 Jahren4, an Herzversagen (nach dem er wegen seinen Fehlentscheidungen 5 Jahre im Gefängnis verbracht hatte).

Heute ist die Strahlung im Kontrollraum auf relativ harmlose 5 uSv/h abgeklungen, siehe Abbildung 13. Der Raum ist in einem trostlosen Zustand, alles ist von einer dicken Staubschicht überzogen, praktisch alle Instrumente wurden ausgebaut. Offiziell dienten sie als Ersatzteile für die anderen Reaktoren, inoffiziell wurden sie als „Souvenirs“ mitgenommen, manchmal tauchen sie auf dem Schwarzmarkt wieder auf.

Die hochradioaktiven Abfälle

Die vier Tschernobyl-Reaktoren haben im Laufe der Zeit einigen hochradioaktiven Abfall erzeugt, vor allem in Form von abgebrannten Brennstäben. Die Lagerung wird sehr pragmatisch angegangen. Die Abfälle werden in grosse, relativ dünnwandige Stahlzylinder verpackt. Diese sind doppelwandig, die Luft dazwischen wird ständig überwacht. Ein allfälliges Leck kann leicht festgestellt werden. Diese Behälter werden horizontal in einem Betonbunker gelagert, leicht herausholbar, siehe Abbildung 14. Das rund einen Kilometer vom Kraftwerk entfernte Zwischenlager befand sich während unseres Besuchs noch im Bau. Seit 2021 ist es in Betrieb. Die abgebrannten Brennelemente werden schrittweise aus dem alten Nasslager in die neue Trockenlageranlage überführt, die für eine sichere Lagerung während mindestens 100 Jahren ausgelegt ist. Die Idee dahinter: Die abgebrannten Brennstäbe der Tschernobyl- Reaktoren bestehen zu etwa 97-98%5 aus unverbrauchtem Uran und etwas Plutonium. Mehrere Reaktortypen der nächsten Generation können solche „Abfälle“ als Brennstoff benutzen. Vor allem Russland und China planen solche Reaktoren in grösserer Zahl zu bauen (verschiedene Prototypen laufen schon), wahrscheinlich auch Südkorea, Indien und vielleicht sogar westliche Industriestaaten. Mit einer gewissen Berechtigung erwarten die Ukrainer deshalb, dass ihre „Abfälle“ in vielleicht 30 Jahren als Brennstoff für diese neuen Reaktoren benutzt werden können. Ein Endlager tief unter der Erde ist nicht vorgesehen. Plan B: Nach 100 Jahren kann man die Bunker unter einer zusätzlichen meterdicken Betondecke vergraben. Diese sollte mindestens 500 Jahre halten. Dann ist der mit Abstand gefährlichste Teil der Abfälle, die stark strahlenden und «beweglichen» Spaltprodukte, praktisch vollständig zerfallen. Die übriggebliebenen „unbeweglichen“ radioaktiven Schwermetalle stellen keine grosse Gefahr mehr dar (ist im Westen allerdings stark umstritten, die Meinungen reichen von vergleichsweise harmlos bis zu „extrem gefährlich“).

4 Trotz der lebensbedrohend hohen Strahlendosis lebte er deutlich länger als damalige Durchschnitt der Männer

(ca. 60 Jahre). 5 Abgebrannte Brennelemente von den bei uns üblichen Leichtwasserreaktoren bestehen zu etwa 95% aus un-

verbrauchtem Uran.

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Abbildung 14 Etwa 1 km neben den Reaktorblöcken werden die Bunker zur Lagerung der hochradioaktiven Abfälle gebaut.
Abbildung 14 Etwa 1 km neben den Reaktorblöcken werden die Bunker zur Lagerung der hochradioaktiven Abfälle gebaut.

Pripyat

Die Stadt Pripyat liegt 3-4 km vom Kraftwerk entfernt, im Gebiet des grössten Fallouts. Die etwa 50'000 Bewohner wurden als erste evakuiert. Heute herrsche immer noch eine gefährlich hohe Strahlendosis, wenn man den vielen Berichten darüber in den Medien glauben darf (beliebte Bezeichnungen: „Todeszone“, „radioaktiv strahlende Hölle“, usw.). Trotzdem findet ein reger „Katastrophentourismus“ statt, ganze Busladungen von Touristen aus Kiev ergiessen sich täglich über die Stadt, zumindest vor dem Krieg. Die systematischen Plünderungen und der überall sichtbare Vandalismus vermitteln ein düsteres Bild, haben aber nichts mit der Strahlung zu tun.

Unsere Gruppe ist kreuz und quer durch Pripyat gewandert, dabei haben wir tausende von Messpunkten erfasst. Auf den asphaltierten oder betonierten Strassen war die Strahlung recht tief (zumindest auf den moosfreien Teilen), typisch um 0.2-0.3 uSv/h, siehe Abbildung 15. Solche Werte misst man auch an vielen anderen Orten, durch die Natur verursacht. Über Naturboden und ganz besonders über einem der vielen Moosbeete strahlt es wesentlich stärker, die meisten Werte lagen um 1-2 uSv/h herum, mit Spitzen von etwa 4 uSv/h (gemessen in 1 m Höhe).

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Abbildung 15 Strahlung auf einer der Hauptstrassen von Pripyat, 0.22 uSv/h.
Abbildung 15 Strahlung auf einer der Hauptstrassen von Pripyat, 0.22 uSv/h.
Abbildung 16 Der Kulturpalast im Zentrum von Pripyat, vor der Katastrophe (Bild im Tschernobyl-Museum von Slavutych, Aufnahme bewilligt).
Abbildung 16 Der Kulturpalast im Zentrum von Pripyat, vor der Katastrophe (Bild im Tschernobyl-Museum von Slavutych, Aufnahme bewilligt).

Im Zentrum von Pripyat befindet sich der Kulturpalast. Abbildung 16 zeigt dieses Gebäude vor der Katastrophe (links im Bild). In Abbildung 17 sieht man den heutigen Zustand. Die Aufnahme habe ich über einer stark vermoosten Stelle gemacht. Moose lieben Kalium, wer ein schönes Moos-Beet will, sollte deshalb reichlich mit Kalium düngen. Cäsium ist chemisch eng mit Kalium verwandt (steht im Periodensystem unterhalb Kalium). Das Moos verwechselt Cäsium-137 mit Kalium und nimmt es begierig auf. Wenn man also in Falloutgebieten nach stark strahlenden Stellen sucht, wird man über Moosflächen schnell fündig. Cs-137 ist mit Abstand für den grössten Teil der Strahlendosis der Bevölkerung verantwortlich (auch in Fukushima).

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Abbildung 17 Kulturpalast, 2015. Die Strahlung über einem Moosbeet ist relativ hoch (2 uSv/h)
Abbildung 17 Kulturpalast, 2015. Die Strahlung über einem Moosbeet ist relativ hoch (2 uSv/h)

Die Strahlung im Inneren der Gebäude liegt meistens im Bereich zwischen 0.1 und 0.2 uSv/h, Werte die auch bei uns üblich sind. Ein Beispiel aus dem Kulturpalast mit 0.11 uSv/h zeigt Abbildung 18. Wenn ein Gebäude einigermassen dicht ist und man während des radioaktiven Niederschlags Fenster und Türen schliesst, dringen nur minime Mengen radioaktiver Substanzen ins Innere. Die externe Strahlung wird durch das Mauerwerk weitgehend abgeschirmt, zudem reduziert schon der Abstand die Strahlung. Ganz offensichtlich wird auch keine Radioaktivität von aussen in die Gebäude verschleppt, trotz Dutzende, wenn nicht Hunderte von Besuchern täglich und völlig demolierten Fenstern und Türen. Der einfache Grund: Praktisch aller radioaktiver Staub ist schon längst von Wind und Regen weggeblasen oder weggeschwemmt worden oder in tiefere Erdschichten gewandert.

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Abbildung 18 Die Strahlung im Innern des Kulturpalastes ist ähnlich tief wie sonst auf der Welt: 0.11 uSv/h. Man beachte den Vandalismus, auch massivste Glasscheiben wurden systematisch zerstört.
Abbildung 18 Die Strahlung im Innern des Kulturpalastes ist ähnlich tief wie sonst auf der Welt: 0.11 uSv/h. Man beachte den Vandalismus, auch massivste Glasscheiben wurden systematisch zerstört.

Die höchsten Strahlungswerte in Pripyat registrierten wir im Amusement-Park über einem Moos-Beet: 11 uSv/h, gemessen in einigen cm Abstand (siehe Abbildung 19). Zum Vergleich: Meine alte Tissot “Seastar” aus den 50er-Jahren, mindestens 15 Jahre lang Tag und Nacht getragen, strahlt dank den Radium-Leuchtziffern auch heute noch mit etwa 14 uSv/h. Andere Uhren aus dieser Zeit können noch stärker strahlen, ich mass Werte bis 200 uSv/h (!). Ich habe abgeschätzt, dass die vielen Millionen Radium-Leuchtzifferuhren (hergestellt zwischen ca. 1915 und 1965) die Menschen mit einer ähnlich hohen Kollektivdosis bedacht haben wie der gesamte Fallout von Tschernobyl.

Abbildung 19 Die höchste in Pripyat gemessene Strahlung war 11.1 uSv/h, einige cm über einem Moosbeet. Zum Vergleich meine alte Tissot „Seastar“, strahlt mit 14.5 uSv/h. Und läuft heute noch.Abbildung 19 Die höchste in Pripyat gemessene Strahlung war 11.1 uSv/h, einige cm über einem Moosbeet. Zum Vergleich meine alte Tissot „Seastar“, strahlt mit 14.5 uSv/h. Und läuft heute noch.
Abbildung 19 Die höchste in Pripyat gemessene Strahlung war 11.1 uSv/h, einige cm über einem Moosbeet. Zum Vergleich meine alte Tissot „Seastar“, strahlt mit 14.5 uSv/h. Und läuft heute noch.

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Das Dilemma

Während unseres Aufenthalts in Pripyat zeichnete mein Dosimeter alle zehn Sekunden einen Messwert auf. Aus mehreren Tausend Einzelmessungen ergab sich eine mittlere Dosisleistung von 1,0 µSv/h, entsprechend einer theoretischen Jahresdosis von rund 8,8 mSv. Allerdings bewegten wir uns zum grössten Teil ausserhalb der Gebäude, suchten bewusst nach „heissen“ Stellen und legten die Messgeräte darüber. Ein heutiger Bewohner dürfte kaum auf über 5 mSv kommen, selbst wenn er sich vorwiegend im Freien aufhält. Dies entspricht etwa der natürlichen Durchschnittsdosis in der Schweiz und in vielen anderen Teilen der Welt. Eliminiert man alle Moosbeete, kann man mit 2-3 mSv rechnen plus 1-2 mSv von der Natur. Dazu kommt noch die innere Bestrahlung: Ernährt man sich zur Hauptsache von lokalen Lebensmitteln, könnten durchschnittlich noch etwa 1-2 mSv dazukommen. Es gibt viele Untersuchungen darüber (auch mit Ganzkörperzähler), meist rechnet man mit 10%-20% der externen Dosis. Die Grünen im Europäischen Parlament haben einen sehr kritischen Bericht über die Folgen von Tschernobyl herausgegeben („TORCH“-Bericht, 2006: The Other Report on Chernobyl). In diesem Bericht wird die innere Dosis der Bevölkerung in den Falloutgebieten auf etwa 30% der totalen geschätzt (vor allem durch Cs-137). Der gleiche Bericht anerkennt ausdrücklich, dass die natürliche Strahlung genau gleich wirkt wie die „künstliche“. Weiter wird vermerkt, dass keine erhöhte Anzahl Missgeburten registriert wurde (wohl aber mehrere Tausend Schilddrüsentumore bei Kindern, zum Glück praktisch immer gut heilbar).

Das grosse Dilemma: In Anbetracht einer Pripyat-Dosis von etwa 5 mSv/Jahr müsste man konsequenterweise auch grosse Teile der europäischen Alpen zur Todeszone erklären. Die Dosen erreichen Werte bis über 30 mSv/Jahr (inklusive der inneren Bestrahlung). Dies verdanken die Alpenbewohner dem überdurchschnittlich hohen Gehalt von Uran oder Thorium im Gestein. Das gleiche gilt auch für Teile von Schwarzwald, Erzgebirge, Massif Central, Süditalien, Piemont, Rocky Mountains, usw.. Dieses Dilemma besteht auch im Falle von Fukushima (mit wesentlich weniger Fallout als bei Tschernobyl). Auf Grund des Vorsorgeprinzips und der heutigen Forderung nach Nullrisiko wurden die Grenzwerte immer weiter gesenkt, bis unter die natürliche Strahlung - die aber vom Grenzwert ausgenommen ist. Gut so, denn dank dieser Ausnahmeregelung müssen wie die Alpen nicht evakuieren.

Um es nochmals klar zu sagen: Natürliche Strahlung genau gleich wirkt wie die „künstliche“.

Tschernobyl-Stadt und Asti (Piemont)

Wir haben auch die Stadt Tschernobyl besucht, etwa 15 km südlich des Kraftwerkes gelegen. Die Stadt liegt ebenfalls in der Sperrzone, für eine dauernde Besiedlung nicht freigegeben. Allerdings befinden sich einige Verwaltungsgebäude der Zone in der Stadt, sowie auch Unterkünfte für Einsatzkräfte und sogar ein kleines Hotel (sah nicht einladend aus, würde ich nicht empfehlen). Die Stadt ist, ganz im Gegensatz zu Pripyat, in einem guten Zustand. In der Stadt gibt es auch illegale Bewohner (in der gesamten Sperrzone mehrere Hundert), sie werden von den Behörden toleriert. Sie ernähren sich fast ausschliesslich von lokalen Produkten.

Unsere Messungen zeigten etwas Erstaunliches: Die Strahlung in dieser Stadt liegt typisch zwischen 0.1 und 0.2 uSv/h, und damit tiefer als in vielen anderen Städten auf diesem Planeten. In Rom z.B. ist die externe Strahlung meist über 0.2 uSv/h, zusammen mit der internen Strahlung muss man mit mindestens 0.5 uSv/h rechnen. Auch in weiten Teilen des Piemonts strahlt es stärker als in Tschernobyl, siehe Abbildung 21.

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Abbildung 20 Tiefe Strahlungswerte (0.08 uSv/h) am Rand von Tschernobyl-Stadt.
Abbildung 20 Tiefe Strahlungswerte (0.08 uSv/h) am Rand von Tschernobyl-Stadt.
Abbildung 21 Strahlung im Zentrum von Tschernobyl (0.10 uSv/h). In dieser Stadt strahlt es wesentlich weniger als in vielen anderen Städten auf dieser Erde.
Abbildung 21 Strahlung im Zentrum von Tschernobyl (0.10 uSv/h). In dieser Stadt strahlt es wesentlich weniger als in vielen anderen Städten auf dieser Erde.

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Aus der Tatsache, dass die Sperrzone immer noch eine Sperrzone ist, wird geschlossen, dass der Aufenthalt gefährlich sein muss. Die Zone sei für hunderte von Jahren, oder auch für tausende oder gar zehntausende von Jahren unbewohnbar (je nach Quelle). Man argumentiert mit den teilweisen sehr langen Halbwertszeiten gewisser Falloutelemente (vor allem Plutonium), obwohl diese langlebigen Elemente

1. Nur einen winzigen Teil des Fallouts ausmachen 2. Nur schwach strahlen (meist Alphastrahler, zudem: je länger die Halbwertszeit, desto

schwächer die Strahlung, ein Naturgesetz) 3. Von den natürlich vorhandenen langlebigen radioaktiven Elementen, wie Uran in den

Schatten gestellt werden: Durchschnittlich findet man etwa 5 g Natururan und etwa 15 g Thorium pro m3 Erde. Hinzu kommt, dass viele Zerfallsprodukte, wie Radium, Radon und Polonium, gefährlicher sind als Plutonium. Wie dem auch sei, es ist eine leicht zu überprüfende Tatsache, dass heute die Strahlung des Fallouts auf einen winzigen Bruchteil der Ursprünglichen abgesunken ist, typisch auf 1/10'000 oder weniger. Oft ist sie kaum noch nachweisbar. In weiten Teilen der Sperrzone dominiert die natürliche Strahlung. Nur in unmittelbarer Umgebung des Unglückreaktors gibt es noch vereinzelt Stellen mit hoher Strahlungsintensität (höher als die höchsten natürlichen Werte, 100 uSv/h).

Gefährlich?

Immer wieder werde ich gefragt, ob eine solche Reise nicht gefährlich sei. Natürlich gibt es Gefahren. Da wären einmal die vielen wilden Wölfe, siehe Abbildung 22. Auch das Klettern im halb zerfallenen Block 5 (im Halbdunkeln, mit vielen tiefen Schächten) war nicht ohne Gefahr. Aber wirklich gefährlich war etwas anderes. Ich wurde jedenfalls einer Dosis ausgesetzt, welche etwa der halben Tödlichen entsprach. Das kam so:

Am letzten Tag organisierte unser lokaler Guide eine rustikale Abschiedsparty in einer Datscha. Dabei war das Trinken von selbstgebranntem „Wodka“ (60%!) obligatorisch, siehe Abbildung 23, man beachte die interessante grünlich-giftige Farbe. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas Grauenhafteres getrunken, Benzin dürfte besser schmecken. Mit Mühe, Not und List (es gelang mir manchmal, mein Wodka-Glas heimlich mit Wasser zu füllen) kam ich mit 3-4 Gläsern davon, entspricht rund 100 g Alkohol, etwa 50% der tödlichen Dosis. Die Nachwehen dauerten 2 Tage. Ein Kollege setzte sich unvorsichtigerweise direkt neben unserem Guide. Er konnte kaum kneifen und verpasste die tödliche Dosis nur knapp. Noch ein Tag später war er kaum ansprechbar. Ein anderer Kollege (ex. US-Navy) konnte erstaunlich gut mithalten. Aber unser Guide schlug alle, er dürfte an diesem Abend die doppelte tödliche Dosis getrunken haben, ohne sichtbare Wirkung. Ein medizinisches Wunder. Vermutlich wurde er als ehemaliger Rotarmist durch intensives Trink-Training gründlich immunisiert. Und ein häufiges Training ist in der Ukraine, selbst bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von nur etwa 150$ (2015), noch finanzierbar: Der Wodka war für etwa 1$ die Flasche zu kaufen, kaum teurer als die Milch im Laden. Die traurige Folge: Bis zu 200'000 alkoholbedingte Todesfälle pro Jahr6.

6 Berechnet aus: http://voxukraine.org/2015/03/28/life-expectancy-in-ukraine-why-is-it-so-low/

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Abbildung 22 Die Umgebung des Kraftwerkes hat sich (fast) ohne Menschen in ein üppiges Naturparadies verwandelt. Allerdings sollte man sich vor Wölfen in Acht nehmen, aber auch Wildschweine, Bären und Bisons sind nicht ganz harmlos.
Abbildung 22 Die Umgebung des Kraftwerkes hat sich (fast) ohne Menschen in ein üppiges Naturparadies verwandelt. Allerdings sollte man sich vor Wölfen in Acht nehmen, aber auch Wildschweine, Bären und Bisons sind nicht ganz harmlos.
Abbildung 23 Selbstgebrannter Wodka, ca. 60%. Kostet etwa 1$ pro Liter. Man beachte die ordentlich grossen Gläser. Das Glas muss mit einem Schluck geleert werden (anders bringt man das Zeugs auch gar nicht runter). Die tödliche Dosis liegt
Abbildung 23 Selbstgebrannter Wodka, ca. 60%. Kostet etwa 1$ pro Liter. Man beachte die ordentlich grossen Gläser. Das Glas muss mit einem Schluck geleert werden (anders bringt man das Zeugs auch gar nicht runter). Die tödliche Dosis liegt für Ungeübte bei etwa 6 Gläsern.

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Nachtrag

Ich habe in meinem Bericht bewusst nichts über die gesundheitlichen Langzeitfolgen der Katastrophe geschrieben. Denn damit verlässt man den Bereich der exakten Wissenschaft.

Unter dem Stichwort Chernobyl findet Google Scholar heute über 400'000 Publikationen; davon dürften nur einige 10’000 das Prädikat «wissenschaftlich» tragen. Darunter kann man leicht eine Unmenge Arbeiten finden, die zum Schluss kommen, dass die Strahlung schädlich war oder immer noch ist. Ebensoleicht findet man eine Unmenge Arbeiten, die keine oder sogar positive Auswirkungen belegen. Die Qualität der Arbeiten schwankt zwischen völlig unbrauchbar und hochwissenschaftlich. Und so kommt es, dass man sich darüber streitet, ob 50 oder viele mehrere Millionen Todesfälle auf das Konto der Strahlung gehen. Es gibt zwei Gründe für diese Situation:

1. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1980er- und 1990er-Jahren verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung dramatisch. Die Lebenserwartung russischer Männer sank zeitweise von rund 65 auf etwa 57 Jahre. Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Krebs, Infektionskrankheiten, Alkoholismus und andere gesundheitliche Probleme nahmen stark zu; Millionen Menschen starben vorzeitig – auch in Regionen wie Sibirien, fern von Tschernobyl. Vor diesem Hintergrund ist es ausserordentlich schwierig, einen allfälligen Einfluss der Strahlung zuverlässig nachzuweisen.

2. Sämtliche vermuteten Langzeitfolgen der Strahlenexposition treten auch ohne zusätzliche Strahlung auf. Bei einer einzelnen Erkrankung lässt sich grundsätzlich nicht feststellen, ob sie durch Strahlung verursacht wurde oder nicht.

Im Falle von Hiroshima/Nagasaki ist die Situation viel eindeutiger: Erstens war die Strahlenbelastung der betroffenen Bevölkerung sehr viel höher, die Effekte traten deutlicher zutage und zweitens wurden die Untersuchungen mit einem Milliardenaufwand äusserst professionell durchgeführt. Man streitet sich höchstens um Faktor 2.

Bei Tschernobyl ist man sich zumindest einig über die Folgen der sehr hohen Strahlendosen der ersten Tage und Wochen: Etwa 30 Todesopfer sind darauf zurückzuführen, sowie einige Tausend Schilddrüsentumore bei Kindern, 15 davon mit Todesfolge. Ziemlich einig ist man sich auch über die Dosen, welche die umliegende Bevölkerung erhalten hat (diese lassen sich auch einfach messen). Diese Dosen liegen praktisch ausnahmslos weit unter der natürlichen Strahlung. Eigentlich würde man keine strahlenbedingte Langzeitfolgen erwarten. Mit Hilfe der Hypothese, dass auch die kleinste Dosis schädlich ist, können einige 1000 bis einige 10'000 vorzeitige Todesopfer errechnet werden. Eindeutig nachweisen wird man dies aber nie können. Gemäss den Erkenntnissen von Hiroshima/Nagasaki erwartet man kaum Opfer.

Vor Ort begegnet man dem gesamten Spektrum an Meinungen – von «Die Strahlung ist an allem schuld» bis zu «Die Strahlung spielt praktisch keine Rolle». Dass die erste Sichtweise vielerorts stärker verbreitet ist, hat auch soziale und wirtschaftliche Gründe. Millionen Menschen erhielten nach der Katastrophe den offiziellen Status als Betroffene oder Strahlenopfer und damit finanzielle Unterstützungen sowie verschiedene Vergünstigungen. Für viele Familien, die unter den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen der ehemaligen Sowjetunion lebten oder noch heute leben, stellen diese Leistungen eine wichtige Existenzgrundlage dar.

Redaktioneller Hinweis

Dieser Gastbeitrag gibt die persönliche Auffassung des Autors wieder. Der Beitrag wurde aus der vom Autor bereitgestellten PDF-Ausgabe webgerecht aufbereitet.

Bildnachweise: Dr. Walter Ruegg, sonst wie angegeben.

Redaktionell verantwortlich: Michael Roland · Impressum